Welcome To Prison

„Komm wir machen ein Interview mit einem syrischen Mann, Mamoon bringt uns hin.“ Wie selbstverständlich geht Sowmar durch den Nebeneingang des Moria Camps, gemeinsam mit Mamoon, einem Deutsch sprechendem Iraker. Zögerlich gehe ich hinterher.

Gestern war mein erster Tag auf Lesbos, mein erster Tag, in dem ich hautnah mit den Menschen in Kontakt kam, die teils seit Monaten oder sogar Jahren auf der griechischen Ferieninsel festsitzen. Nachdem wir gestern erst einmal im „Olive Grove“, dem wilden Camp vor den Toren des offiziellen Moria Camps, unterwegs waren, geht es nun also direkt rein. „Welcome to Prison“. Mein Puls schießt in die Höhe, als ich durchs Tor gehe. Unbegründet, wie ich schnell feststelle, an diesem Eingang ist weit und breit kein Polizist zu sehen. Kaum bin ich ein paar Meter gegangen, schiebt sich eine kleine Hand in meine und hält mich fest. Ich schaue runter, neben mir läuft ein vielleicht zweijähriger Junge und lächelt mich freudig an. Er krallt sich an mir fest und lässt gar nicht mehr los, geht einfach mit uns mit. Er strahlt dabei übers ganze Gesicht und brabbelt etwas auf arabisch vor sich hin. Mein Herz schmilzt in der ersten Sekunde und ich habe sofort Tränen in den Augen. Sein Gesicht ist dreckverschmiert, die Eltern nirgends zu sehen. „Du kannst jetzt nicht schon in den ersten 2 Minuten im Camp heulen“, denke ich. Sowmar und ich albern etwas mit dem Kleinen herum, dann bleibt er stehen und winkt. Während ich mich umschaue ist meine Brust wie zugeschnürt. Es ist laut, es stinkt undefinierbar. Wir gehen durch enge Gänge zwischen Zelten und Containern, überall sitzen Menschen zusammengepfercht, reden, rauchen, schlafen…was sollen sie sonst auch tun? Überall sind hohe Zäune, Stacheldraht, die Atmosphäre ist sehr bedrückend. Ich habe versucht mich bestmöglich auf diesen Moment vorzubereiten und doch bin ich erschrocken über die Enge, den Dreck und die Vielzahl von Menschen auf so engem Raum. Mein Herz klopft und ich habe Angst, während wir durch die Gänge gehen und nach dem syrischen Mann suchen, der mit uns sprechen will. Ich kann nicht mal genau sagen wovor, es ist einfach ein sehr unsicheres Gefühl und ich bin froh die beiden Jungs dabei zu haben. Mir schießen Bilder durch den Kopf von Kämpfen im Camp zwischen den frustrierten und hoffnungslosen Bewohnern und von Erzählungen, wie unsicher es dort für Frauen ist. Ich bleibe nahe bei den Jungs und schließlich finden wir Qussy, der uns gerne seine Geschichte erzählen will.

Gemeinsam gehen wir zu dem Container, in dem er gemeinsam mit 11 anderen Männern schläft. Die Tür geht auf, drinnen ist es dunkel, verraucht. Circa 10 Männer sitzen auf den Betten und auf dem Boden und starren mich an. Ich falle hier auf als deutsche, blonde Frau, sie können mich nicht einordnen. Ich muss schlucken, hole tief Luft, vergewissere mich, dass Sowmar und Mamoon hinter mir sind und trete ein. Nach kurzer Unruhe setzen wir uns gemeinsam auf den Boden, andere Möbelstücke als die Betten gibt es nicht. Dafür wäre auch kein Platz. Die Männer reden kurz auf arabisch darüber, was wir machen wollen. Sowmar hat vorher bereits mit Ihnen gesprochen, erklärt wer wir sind und was wir machen und auch was nicht. Das ist wichtig, wir wollen keine falschen Hoffnungen wecken, die wir dann nicht erfüllen können. Was wir aber können ist ihre Geschichten verbreiten, auf die Zustände, unter denen sie hier monatelang hausen müssen, aufmerksam machen und einfach zuhören. Ich setze mich in eine Ecke zwischen Qussy und Mamoon. 12 Augenpaare sind auf mich gerichtet, es wird ruhig. Da ich ca. 10 Minuten vorher von dem Interview erfahren habe, bin ich unvorbereitet, aber mir schießen sofort viele Dinge durch den Kopf, die ich von Qussy erfahren möchte. Ich beginne Fragen zu stellen, auf Deutsch. Mamoon übersetzt für Qussy auf Arabisch und seine Antworten für mich zurück ins Deutsche.

Er erzählt, dass er aus Syrien kommt, aus einer kleinen Stadt nahe Damaskus. Dort hat er Wirtschaft studiert und nebenbei als Taxifahrer gearbeitet. Er ist 26 sagt er und jetzt seit circa einem Monat in Moria. Seine Frau und seine 1-jährige Tochter sind noch in Damaskus. Während er redet schaut er die ganze Zeit zu Boden. Die untere Hälfte seines Gesichts ist deformiert, sein linker Arm auch. Die Hand steht in einem merkwürdigen Winkel ab. „Was ist mit Dir geschehen?“ frage ich. Er beginnt zu erzählen, spricht schnell und monoton. Ich warte, bis Mamoon übersetzt. Es war die inoffizielle Armee in Syrien, erzählt er. Sie haben ihn überfallen, eines Nachts. Sie wollten sein Auto und haben auf ihn geschossen. 13 Schüsse hat er abbekommen, mit einer Kalaschnikow. Als sie dachten, dass er tot wäre, ließen sie von ihm ab. Aufgewacht ist er im Krankenhaus. Wie er dahin kam weiß er bis heute nicht. Es ist ein reines Wunder, dass er noch lebt, in seinen Augen sieht man Schmerz. Zwei Jahre ist das nun her, er wurde notdürftig zusammengeflickt, überall sieht man Narben. Eine Narbe ist an seiner Schläfe, ein Streifschuss. Nur ein paar Millimeter weiter links und das wäre es gewesen. Und doch hat er sich vor einigen Wochen aufgemacht und die Flucht gewagt. Wie so viele kam er mit einem Schlepper über die Türkei und dann per Boot nach Lesbos. Er hatte Angst, Syrien war zu unsicher. „Wie geht es dir?“ will ich wissen. „Ich bin müde.“, sagt er, „Ich habe immer Schmerzen, aber keine Tabletten.“ Er war bereits beim Arzt in Moria. Dort bekam er 3 Seiten Papier, ohne zu wissen was dort drauf steht. Medikamente bekam er keine. Ich schaue mir die Unterlagen an, sie sind auf Griechisch in kyrillischer Schrift. Ich mache Fotos davon und sage ihm, dass wir versuchen werden jemanden zu finden, der uns die Seiten übersetzt. Wie unwürdig ist das so abgefertigt zu werden. Wie ein Stück Vieh, ohne zu wissen was mit einem passiert. Meine Brust ist noch immer wie zugeschnürt, ich kann kaum Luft holen in dem Dunst aus Zigarettenrauch, Schweißfüßen und verlorenen Hoffnungen. Jemand öffnet die Tür und lässt etwas Luft rein, endlich.

Ich weiß nicht was ich sagen soll. Was sagt man zu so einer Geschichte? Er erzählt weiter, dass er kaum essen kann, weil er unten keine Zähne mehr hat. Sein Kiefer ist völlig deformiert und vernarbt. Er möchte nach Deutschland, dort hat er auch eine Tante und einen Neffen. Nächste Woche ist sein nächster Interview-Termin. Wenn er einen schwarzen Stempel bekommt, darf er weiter reisen. Ansonsten heißt es weiter ausharren. Zuletzt will ich wissen, was sein größter Wunsch ist. „Nach Deutschland ins Krankenhaus.“ ist seine Antwort. Bedrückt bedanke ich mich für seine Offenheit.

Wir kommen nun auch mit den anderen Jungs in dem Container ins Gespräch. Jeder hat eine traurige Geschichte, alle wollen nach Deutschland. „Meine ganze Familie ist in Deutschland. Ich bin alleine hier.“ erzählt ein Junge, der wahrscheinlich nicht einmal 20 Jahre alt ist. Die Stimmung wird langsam gelöster. „Heirate mich, damit ich mit dir nach Deutschland darf.“ scherzt ein anderer. Mamoon lacht, als er mir das übersetzt, doch wir alle wissen, dass es nicht nur ein Scherz war. „Wir können die Papiere zerreißen, wenn wir da sind.“ fügt er hinzu und grinst schief. Ich lache und sage nichts. Nichts, weil es nichts gibt, was mir selber begreiflich machen könnte, warum ich am Samstag wieder ins Flugzeug steigen darf und alle diese Menschen, die in diesem Moment um mich herum sitzen, dem Willen eines Beamten und seiner Ablehnungs- und Genehmigungsquote ausgesetzt sind. Unser Besuch in Moria ist für heute zu Ende und ich komme mir vor, als würde ich aus einer Parallelwelt wieder ins „richtige Leben“ zurückkommen. Sobald ich aus dem Camp herauskomme, fühle ich mich wie befreit. Die Enge ist weg und die Atmosphäre außerhalb des Camps spürbar anders. Wir werden zurückkommen, um weitere Geschichten zu hören und Spenden zu verteilen. Während ich diesen Artikel schreibe, lasse ich die Szenen noch einmal Revue passieren und kann noch immer kaum begreifen, was ich gehört habe. Ich fühle Demut & Dankbarkeit für das privilegierte Leben, was ich führen darf, aber mein Herz ist auch voll mit so vielen, auch schönen und bereichernden Momenten und Menschen, die ich in den zwei kurzen Tagen erleben und kennenlernen durfte. Ich bin froh hier sein zu können und gespannt auf das, was morgen passiert. Gute Nacht.

Kathi

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