Demut

Nun sind es schon einige Tage, die ich zurück bin aus Lesbos und noch immer sind die Bilder in meinem Kopf so präsent als sei es gestern gewesen. Mein erster Aufenthalt auf Lesbos hat mich nachhaltig geprägt. Ich bin sehr froh, dort gewesen zu sein und dass ich die Chance hatte mir die Situation mit eigenen Augen anzusehen. Es mag pathetisch klingen, wenn ich sage dass sich mein Blick auf die Menschen verändert hat aber so ist es. Ich glaube am schlimmsten für mich ist zu verstehen, wie manche Menschen anderen Menschen gewisse Dinge antun können. Ich verstehe es bis jetzt nicht, aber ich bin ein Stück weit aufgewacht aus meiner heilen Welt. Das bedeutet längst nicht, dass ich nun in jedem etwas Schlechtes vermute, sondern ich sehe klarer.

Das wertvollste Mitbringsel, welches ich aus Griechenland mitgebracht habe ist Demut. Demut davor, was für ein privilegiertes Leben ich führen darf und davor wie behütet ich aufgewachsen bin. Ich bin im Laufe meiner 30 Jahre bisher nie wirklich mit Gewalt und Leid in Kontakt gekommen und dafür bin ich dankbar. Dennoch war es für mich heilsam eine Facette dessen kennenzulernen, was für so viele Menschen auf der Welt Alltag bedeutet.

Einer der Tage auf Lesbos hat mich besonders geprägt. Wir sind wie die meisten Tage seit morgens im wilden Camp „Olive Grove“ vor den Toren des offiziellen Moria Camps unterwegs. Wir, das sind an diesem Tag Sowmar und ich. Sowmar ist ein Syrischer Freund von mir, der in Deutschland lebt und ebenfalls mit Cars of Hope nach Lesbos gekommen ist. Gemeinsam führen wir viele Gespräche mit Geflüchteten und versuchen wenigsten bei Kleinigkeiten zu helfen. Sowmar stellt mir auch Adil* (Name geändert) vor. Adil erzählt, dass er 18 Jahre alt und aus Syrien geflohen ist. Seine ganze Familie wurde getötet, während er grade nicht zuhause war. Während ich Adil ins Gesicht sehe, ist sein Schmerz für mich fast greifbar. Sowmar erzählt mir, dass der Junge schwere psychische Probleme hat und dringend ärztliche Behandlung benötigt. Ich empfinde in diesem Moment einfach nur größten Respekt davor, dass Adil überhaupt die Kraft für seine Flucht aufgebracht hat und nun hier in Griechenland vor uns steht.

Er hat für den gleichen Tag einen Termin beim Arzt im Moria Camp. Der Termin ist um 15 Uhr und Sowmar begeleitet Adil, um übersetzen zu können. In Moria ist es keineswegs selbstverständlich, dass beim Arzt auch jemand anwesend ist der arabisch spricht. Ich warte währenddessen im Olive Grove auf die beiden, doch schon nach kurzer Zeit klingelt mein Handy. „Komm besser her“, sagt Sowmar, „das kann dauern. Ich hole dich am Tor ab.“ Mittlerweile war ich einige Male im Camp und habe die Scheu davor verloren, auch weil mich bisher nie jemand aufgehalten hat hineinzugehen. Auch habe ich begriffen, dass ich keinerlei Angst vor den Bewohnern des Camps zu haben brauche. Diese haben wahrlich andere Probleme und werfen mir höchstens neugierige Blicke zu.

Als ich am Tor ankomme wartet Sowmar schon auf mich. „Lass den Kopf unten und folge mir einfach“, sagt er. Wir gehen durch 2 weitere Tore, ohne dass uns jemand aufhält. Als ich mich umschaue, komme ich mir vor wie im Gefängnis. Wir sind nun im Registrierungsbereich von Moria. Hier werden alle Neuankömmlinge registriert, aber auch der Arzt sitzt hier. Ja genau, jeweils ein Arzt (in zwei Schichten) für 6000 Menschen. Um uns herum sind Maschendrahtzäune, obendrauf Stacheldraht. Überall ist Polizei. In dem Wartebereich vom Arzt in dem wir uns befinden sitzen etwa 30 Menschen und warten. Schnell stellen wir fest, dass alle einen Termin um 15 Uhr haben. Wir haben Glück, dass wir hier reingekommen sind denn normalerweise ist der Bereich ausschließlich für Geflüchtete und Mitarbeiter in Moria. Ich setze mich zwischen die bereits wartenden Menschen und schaue mich weiter um. Wie mir erklärt wird, muss jeder Patient zu einer Art „Vorregistrierung“ und bekommt dann einen Termin beim Arzt. Dazwischen können Wochen liegen. Sowmar läuft hin und her, redet abwechselnd mit Arzt und Patienten, da ansonsten offenbar niemand vor Ort ist der übersetzen könnte. So langsam wird mir klar wie es sein kann, dass so viele Geflüchtete mit Arztberichten herumlaufen ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben was dort draufsteht. Ein weiteres Armutszeugnis für die Zustände in Moria und die fehlende Selbstbestimmung der Geflüchteten.

Unter den Wartenden sind einige Kleinkinder. Ich sehe eine Familie mit 7 Kindern, 5 davon Kleinkinder. Keines hat Schuhe an, alle sind schmutzig und sehen krank aus. Der Vater versucht immer wieder zu erreichen, dass er endlich beim Arzt dran kommt. Daneben sitzt die Mutter, im Rollstuhl. Sie schaut apathisch zu Boden und ist offenbar zu schwach um selbst zu laufen. Allein dieses Bild bricht mir fast das Herz, vereint es doch so viele der Missstände hier auf einmal. Die Menschen kommen hierher, haben die Hölle durchlebt und ihr Leben riskiert und wollen einfach nur ein sicheres Leben für sich und ihre Kinder. Sie haben so viel Hoffnung in sich, Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Doch Moria nimmt ihnen diese schnell und was bleibt ist Ernüchterung.

Ein lautes Rufen durchbricht meine Gedanken. Ich sehe einen Mann der lauthals vor sich hin schimpft und offenbar seinem Unmut über die Warterei Luft macht. Doch ehe er sich versieht stürmt ein Polizist heran, schlägt auf brutalste Weise auf den Mann ein und versucht ihn zu Boden zu ringen. Als ihm das nicht sofort gelingt, fängt er an den Mann zu würgen, welcher daraufhin sofort nachgibt und zu Boden geht. Der Polizist lässt jedoch nicht von ihm ab, prügelt weiter brutal auf ihn ein. Der Mann am Boden weint nun laut, seine Augen sind vor Panik geweitet und ich sehe die nackte Angst in seinem Gesicht. Noch nie habe ich so viel Angst bei einem Menschen gesehen, ich bin wie erstarrt. Nach kurzer Zeit kommen zwei weitere Polizisten und halten ihren Kollegen davon ab weiter auf den Mann einzuschlagen. Gemeinsam bringen sie ihn nach draußen.

Ich bin so schockiert, dass ich nicht weiß was ich tun soll. Ich habe das Gefühl mich jeden Augenblick übergeben zu müssen und schaue mich hilflos um. Alle sind schockiert, das kann ich sehen, keiner traut sich etwas zu sagen. „Das sind also die Menschenrechte in Europa“, flüstert jemand neben mir. Die ganze Szene hat vielleicht 2 Minuten gedauert, mir kommt es jedoch weitaus länger vor. Nach und nach komme ich mit den Wartenden ins Gespräch, so gut es halt geht mit ein paar Brocken Englisch und Händen und Füßen. Einer zeigt mir ein Foto von sich, auf dem ihm alle Vorderzähne fehlen. „Polizeigewalt ist für uns leider Alltag“, sagt er, „in meiner Heimat kam das ständig vor“.

Dieser Nachmittag ist der wohl prägendste für mich bei meinem Aufenthalt auf Lesbos. Ich begreife immer mehr, was für ein unheimliches Glück ich habe dort aufgewachsen zu sein wo ich aufgewachsen bin, und das Leben führen zu dürfen welches ich führe. Und ich beginne ein kleines Stückchen mehr zu begreifen, was das wohl für ein Leben sein muss, vor dem all diese Menschen geflohen sind.

Schließlich ist es Abend und wir sitzen noch immer im Wartebereich. Zwischendurch wurden zwei offensichtliche Notfälle zum Arzt rein- und auch wieder herausgebracht. Ansonsten gibt es keinerlei sichtbaren Fortschritt. Um kurz vor 20 Uhr tritt die Arzthelferin heraus um zu verkünden, dass heute niemand mehr behandelt wird und um neue Termine zu verteilen. Auch Adil ist unter den Menschen die sich anstellen um einen neuen Termin zu erhalten, in der Hoffnung vielleicht das nächste Mal Glück zu haben und beim Arzt dranzukommen. Wir werden versuchen einen anderen Arzt für ihn zu finden, außerhalb von Moria.

An diesem Abend kann ich nicht einfach nach Hause fahren. Wir fahren zum Meer und ich schaue lange auf die Lichter der Türkei, die in der Ferne zu sehen sind. Ich weine viel an diesem Abend, weil ich einfach nicht verstehen kann was ich an diesem Tag erlebt habe. Und auch jetzt kann ich es noch immer nicht verstehen und noch immer macht es mich unendlich traurig daran zu denken, doch umso wichtiger ist es für mich dieses Erlebnis mit Euch zu teilen, weil es das Mindeste ist was ich tun kann.

Kathi

 

 

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